Geschichte der Daseinsanalyse

Die Daseinsanalyse gehört zu der breiten Strömung der phänomenologisch-anthropologischen Psychiatrie und Psychologie, die sich während der Zwischenkriegszeit zu formieren begann und in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg zur vollen Entfaltung kam. Diese Richtung ist dadurch charakterisiert, dass sie die klinische Psychiatrie, naturwissenschaftlich orientierte Psychologie sowie die Psychoanalyse kritisch rezipiert und sie auf menschengerechtere Grundlagen stellen will. Um dieses Ziel zu erreichen, ließ man sich von zeitgenössischen philosophischen Ansätzen wie der Phänomenologie, philosophischen Anthropologie und Dialogphilosophie inspirieren. Die Daseinsanalyse zeichnet sich im Spektrum der phänomenologisch-anthropologischen Ansätze dadurch aus, dass sie besonders, aber nicht ausschließlich und auch nicht unkritisch an die Philosophie Martin Heideggers (1889–1976) anschließt. Sie wurde durch den Psychiater Ludwig Binswanger (1881–1966, siehe Bild 1) begründet, der bereits den Namen „Daseinsanalyse“ für seine Forschungsrichtung verwendete, die v. a. auf Freud, Husserl und Heidegger aufbaute.

Der Bezug zu Heidegger wurde durch den Psychiater und Psychotherapeuten Medard Boss (1903–1990) vertieft. (siehe im Bild 2 Heidegger links & Boss rechts)

Boss, der zunächst von Freud und C. G. Jung geprägt war, lernte Heidegger persönlich kennen, befreundete sich mit ihm und entwickelte sein gleichermaßen philosophisches wie therapeutisches Denken im engen Austausch mit dem Philosophen. Miteinander veranstalteten die beiden zwischen 1959 und 1969 die so genannten Zollikoner Seminare, die dem Dialog Heideggers mit Psychotherapeut:innen gewidmet waren. Der Dialog und die enge Zusammenarbeit mit an therapeutischen Themen interessierten Philosoph:innen blieb bis heute ein Charakteristikum der Daseinsanalyse. Durch Boss wurde aus ihr eine eigenständige psychotherapeutische Richtung. Zusammen mit seinem Schüler Gion Condrau (1919–2006) gründete er 1971 das „Daseinsanalytische Institut für Psychotherapie und Psychosomatik“ in Zürich als Ausbildungsstätte für daseinsanalytische Therapeut:innen.

Während Boss sich stark an der Spätphilosophie Heideggers orientierte, pflegte Condrau wieder mehr den für andere Einflüsse offenen Stil der phänomenologisch-anthropologischen Psychiatrie und Psychologie, wobei er die Boss’sche Daseinsanalyse als Basis beibehielt.

Einen anderen Weg beschritt die Historikerin und Philosophin Alice Holzhey-Kunz (geb. 1943), die am Zürcher Institut für Daseinsanalyse zur Psychotherapeutin ausgebildet wurde. Seit den 1990er Jahren vertritt sie eine eigene Interpretation der daseinsanalytischen Theorie und Praxis, die auf eine Relektüre von Sigmund Freud und von Heideggers Hauptwerk Sein und Zeit aufbaut, die von Sartre und Kierkegaard geprägt ist.

Daseinsanalyse in Österreich

Die Österreichische Daseinsanalyse steht in der Tradition von Medard Boss und Gion Condrau. Sie geht auf einen Arbeitskreis zurück, der sich in den 1980er Jahren zu Seminaren unter der Leitung des Zürcher Psychiaters und Psychotherapeuten Perikles Kastrinidis traf, in denen daseinsanalytische Traumauslegung praktiziert wurde. Außerdem wurden bei regelmäßigen Treffen Schriften Heideggers und daseinsanalytischer Autor:innen gelesen. Als mit Hans-Dieter Foerster (siehe Bild 3) ein in Wien ansässiger und in Zürich ausgebildeter Therapeut dazustieß, der bald darauf den Lehrtherapeuten-Status erwarb, wurde auf dessen Initiative hin die Institutionalisierung der Daseinsanalyse in die Wege geleitet und 1989 die Österreichische Gesellschaft für Daseinsanalyse (ÖGDA) gegründet.

Mit Unterstützung des Zürcher Daseinsanalytischen Instituts wurde 1995 das Österreichische Daseinsanalytische Institut für Psychotherapie, Psychosomatik und Grundlagenforschung (ÖDAI) ins Leben gerufen, das die Österreichische Gesellschaft für Daseinsanalyse (ÖGDA) ablöste und eine Ausbildung anzubieten begann. 2004 erfolgte die Anerkennung der Daseinsanalyse als psychotherapeutische Ausbildungsrichtung und des Österreichische Daseinsanalytischen Instituts als methodenspezifische Ausbildungseinrichtung durch das Österreichische Bundesministerium für Gesundheit.

Bis zum Sommersemester 2022 führte erst die Gesellschaft und dann das Institut regelmäßig Seminare an der Universität Wien durch, was durch die Unterstützung der Philosophen Augustinus Wucherer-Huldenfeld, Günther Pöltner und Georg Stenger ermöglicht wurde. Neben Wucherer-Huldenfeld und Pöltner lehrten Karl Baier und der Innsbrucker Philosoph Rainer Thurnher Philosophie in der Daseinsanalyse-Ausbildung und übernahmen Funktionen im Vorstand.

Der bedeutendste Beitrag von philosophischer Seite zur Daseinsanalyse in Österreich stammt aber von Wucherer-Huldenfeld (siehe Bild 4), der zwischen 1990 und 2002 als Präsident der Gesellschaft fungierte. Von Jugend an mit psychoanalytischem Denken vertraut und von Heideggers Ontologie geprägt, führte seine Nähe zum daseinsanalytischen Denken dazu, dass er ein engagiertes Mitglied des Arbeitskreises, der Gesellschaft und schließlich des Instituts wurde. Er trug maßgeblich dazu bei, dass die Daseinsanalyse staatlich anerkannt wurde und in einer dialogischen Grundhaltung die Auseinandersetzung mit anderen Schulen sucht, um einerseits von ihnen zu lernen, und andererseits die eigene hermeneutisch-phänomenologische Expertise für das bessere Verständnis menschlichen Leidens und der Möglichkeiten seiner Therapie einzubringen.